Wie kann historisches Lernen über den Nationalsozialismus lebendig, anschaulich und zugleich verantwortungsvoll gestaltet werden? Und wie können Schülerinnen und Schüler einen regionalen Zugang zu Geschichte entwickeln? Mit diesen Fragen im Gepäck nahm Kathrin Bialas, Lehrerin an der Heinrich-Büssing-Schule Braunschweig (HBS), an einer mehrtägigen Fortbildungsreise vom 7.-11.9.2026 zu niedersächsischen Gedenk- und Erinnerungsorten teil.
Die Reise führte an verschiedene außerschulische Lernorte, die unterschiedliche Facetten der nationalsozialistischen Herrschaft, ihrer Verbrechen und ihrer Erinnerungsgeschichte sichtbar machen. Dabei wurde deutlich: Geschichte findet nicht nur in Schulbüchern statt. Sie begegnet uns auch an Orten in unserer unmittelbaren Umgebung – und gerade dort kann historisches Lernen besonders eindrücklich werden.
Auf dem abwechslungsreichen Programm standen unter anderem die Gedenkstätte Ahlem, das ZeitZentrum Zivilcourage, die KZ-Gedenkstätte Moringen, der Dokumentations- und Lernort Bückeberg, die Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte, die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, die Gedenkstätte Lager Sandbostel sowie die Gedenkstätte Bergen-Belsen.
Die einzelnen Stationen ermöglichten dabei ganz unterschiedliche Perspektiven: vom jüdischen Leben und seiner Verfolgung über die frühe Phase der nationalsozialistischen Diktatur und die Radikalisierung der Gesellschaft bis hin zu Zwangsarbeit, NS-Justiz, Kriegsgefangenschaft, KZ-Haft, Endphaseverbrechen und den Formen des Erinnerns nach 1945.
Besonders wertvoll war die Auseinandersetzung mit der Frage, wie an historischen Orten heute erinnert und gelernt wird. Denn Gedenkstätten sind nicht nur Orte der Erinnerung an die Opfer. Sie sind zugleich Lernorte, an denen historische Quellen untersucht, unterschiedliche Perspektiven erschlossen und Fragen an die Gegenwart gestellt werden können.
Die Fortbildungsreise bot deshalb nicht nur historische Einblicke, sondern auch zahlreiche Anregungen für die pädagogische Arbeit. Im Mittelpunkt standen kreative und schülerorientierte Methoden des historischen Lernens, biografische Zugänge sowie der lehrreiche und kritische Umgang mit historischen Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Dabei wurde auch deutlich, wie wichtig es ist, Schülerinnen und Schüler dazu anzuregen, Quellen nicht einfach als „Wahrheit“ zu übernehmen, sondern sie kritisch zu hinterfragen: Wer hat eine Quelle erstellt? In welcher Situation ist sie entstanden? Welche Interessen und Perspektiven werden sichtbar – und welche Menschen und Erfahrungen bleiben möglicherweise unsichtbar?
Auch die unterschiedlichen Formen der Gedenkstättenarbeit waren ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung. Wie wird ein historischer Ort zum Lernort? Wie können schwierige und belastende Themen altersgerecht vermittelt werden? Und wie lässt sich eine Verbindung zwischen der Geschichte und der Lebenswelt junger Menschen herstellen?
Für die HBS ist insbesondere der regionale Bezug von großer Bedeutung. Die Fortbildungsreise hat gezeigt, dass sich in Niedersachsen zahlreiche Orte befinden, die sich für zukünftige Exkursionen und außerschulisches Lernen eignen. Damit entsteht für die Heinrich-Büssing-Schule eine wertvolle Sammlung neuer möglicher Exkursionsziele – auch für Schülerinnen und Schüler aus Braunschweig. Historische Zusammenhänge können so künftig nicht nur im Klassenraum behandelt, sondern an konkreten Orten in Niedersachsen erfahren, diskutiert und reflektiert werden.
Gerade die räumliche Nähe eröffnet dabei besondere Chancen: Schülerinnen und Schüler können erkennen, dass die Geschichte des Nationalsozialismus keine weit entfernte Vergangenheit ist, sondern auch in der Region Spuren hinterlassen hat. Gedenken und Erinnern werden dadurch greifbarer und bekommen einen konkreten Bezug zur eigenen Lebenswelt.
Die Fortbildungsreise von Frau Bialas ist damit ein wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung des historischen und politischen Lernens an der HBS. Die neu gewonnenen Eindrücke, Methoden und Kontakte können in den Unterricht einfließen und zukünftige Exkursionen bereichern.
Das Fazit der Reise: neue Orte entdecken, neue Methoden kennenlernen, historische Quellen kritisch erschließen und Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, Geschichte vor Ort zu erleben, zu erinnern und zu gedenken. So wird Niedersachsen selbst zum Klassenzimmer – und regionale Erinnerungsorte werden zu wichtigen Lernorten für eine lebendige, verantwortungsvolle und gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus.